Fragen an den Bewegungswissenschaftler: Was die meisten über Fussprobleme nicht wissen

Fussschmerzen gelten für viele als normal – dabei sind sie fast immer ein Warnsignal. Carlo Denier, Sportwissenschaftler MSc und Bewegungswissenschaftler bei ORTHO-TEAM, beschäftigt sich seit über acht Jahren täglich mit der Frage, warum Füsse Probleme machen und was sich dagegen tun lässt. Wir haben ihm 15 Fragen gestellt: Woran Sie eine Fehlstellung erkennen, bevor etwas wehtut, warum der Barfuss-Trend nicht für alle taugt, welcher Schuh der schlimmste ist – und welchen Mythos rund um Einlagen er fast täglich hört.
Das Gespräch ist Teil unserer Zusammenarbeit mit ORTHO-TEAM, unserem Partner für orthopädische Schuheinlagen nach Mass. Im zweiten Teil der Reihe beantwortet Orthopädietechniker Marco Schaub 14 Fragen rund um Einlagen.
Zur Person
Carlo Denier
Sportwissenschaftler MSc · Bewegungswissenschaftler bei ORTHO-TEAM
Über acht Jahre Berufserfahrung in der Bewegungsanalyse. Fachexperte für Fussgesundheit, Fussfehlstellungen und deren Auswirkungen auf den gesamten Bewegungsapparat.
Inhalt
- Erkennen & Verstehen (Fragen 1–4)
- Alltag & Bewegung (Fragen 5–8)
- Schuhe & Einlagen (Fragen 9–12)
- Mythen & Ausblick (Fragen 13–15)
- Fazit
Erkennen & Verstehen
1. Woran erkenne ich, dass mit meinen Füssen etwas nicht stimmt – auch wenn (noch) nichts wehtut?
Ein erster Indikator ist die Abnützung der Schuhe. Sind die Sohlen stark einseitig abgenutzt oder steht der Absatz gar schräg, deutet das auf eine Fehlstellung hin. Auch Hautveränderungen am Fuss sind erste Warnsignale für eine Überbelastung. Müde oder schwere Beine am Abend deuten ebenfalls auf eine einseitige Belastung hin.
2. Welches Fussproblem ist Ihrer Erfahrung nach am weitesten verbreitet – und was ist die häufigste Ursache dahinter?
In der Praxis sind der funktionelle Knick-Senkfuss und der Spreizfuss die häufigsten Problematiken. Hauptursache ist eine zu wenig ausgebildete Fussmuskulatur im Zusammenhang mit dem modernen Lebensstil. Wir schenken den Füssen zu wenig Beachtung. Durch häufiges Sitzen und Bewegungsmangel verlieren die Fussmuskulatur und die Sehnenstrukturen einen Teil ihrer Funktion.
3. Warum sind Frauen häufiger von Fussproblemen wie Hallux valgus betroffen als Männer?
Da kommen mehrere Faktoren zusammen. Erstens ist das Bindegewebe bei Frauen von Natur aus weicher und elastischer, auch hormonell bedingt – das Fussgewölbe gibt schneller nach. Zweitens spielt das Schuhwerk eine grosse Rolle: Enge, spitz zulaufende Schuhe und Absätze verlagern das Körpergewicht auf den Vorfuss und drücken die Zehen zusammen. Über Jahre hinweg begünstigt das genau die Fehlstellungen, die wir dann in der Praxis sehen. Zudem begünstigt ein breiteres Becken die Valgisierung des Knies und die Pronation des Fusses und sorgt für mehr Belastung auf der Grosszehe.

4. Wie oft liegt bei Rücken- oder Knieproblemen die eigentliche Ursache in den Füssen?
Die Füsse sind sehr oft an Rücken- oder Knieproblemen beteiligt. Die Füsse sind unser Fundament – steht das Fundament schief, muss der ganze Körper darüber kompensieren. Eine Fussfehlstellung kann sich über die Knie und das Becken bis in den Rücken und sogar den Nacken fortsetzen. Deshalb lohnt sich bei chronischen Knie- oder Rückenbeschwerden immer auch ein Blick nach ganz unten.
Alltag & Bewegung
5. Bringt Barfusslaufen wirklich etwas – oder ist der Trend überbewertet?
Barfusslaufen ist grundsätzlich ein sehr gutes Training für die Fussmuskulatur. Besonders unebene Untergründe wie Rasen oder Kieselsteine sorgen für eine bessere Ansteuerung der Fussmuskulatur. Entscheidend ist aber der Umfang: Wer sein Leben lang gedämpfte Schuhe getragen hat, sollte nicht von heute auf morgen barfuss joggen gehen. Insbesondere bei bestehenden Fussproblemen ist Vorsicht geboten – da braucht der Fuss Unterstützung.

6. Bei Fussschmerzen: trotzdem 10’000 Schritte am Tag – oder schonen?
Schmerzen sind ein Warnsignal des Körpers. Deshalb empfehle ich zumindest vorübergehend eine Reduktion der Belastung. Setzen Sie besser auf leichte Mobilisation – das kann den Heilungsprozess aktiv unterstützen. Bei starken oder anhaltenden Schmerzen ist eine fachärztliche Beurteilung indiziert.
7. Ihr wichtigster Tipp für Menschen, die den ganzen Tag stehen?
Gestalten Sie das Stehen aktiv – der menschliche Körper liebt Abwechslung. Verlagern Sie regelmässig Ihr Gewicht und steuern Sie Ihre Muskulatur bewusst an. Achten Sie zudem auf passendes Schuhwerk: Gute Dämpfung und Stabilität unterstützen Ihren Fuss bei langer Belastung.
8. Gibt es eine einfache Übung für zu Hause, die Sie jedem empfehlen?
Ja, der «kurze Fuss»: Ziehen Sie den Fussballen zu sich heran, ohne die Ferse zu bewegen – barfuss, im Sitzen oder Stehen. Das kräftigt genau die kleine Fussmuskulatur, die das Fussgewölbe stützt. Führen Sie zwei Sätze mit 10–15 Wiederholungen durch. Versuchen Sie, die Übung in den Alltag zu integrieren – wichtig ist die Regelmässigkeit.

«Schmerzen sind ein Warnsignal des Körpers. Deshalb empfehle ich zumindest vorübergehend eine Reduktion der Belastung.»
Carlo Denier
Schuhe & Einlagen
9. Auf was sollte man beim Schuhkauf achten – gibt es besonders empfehlenswerte Marken oder Modelle?
Wichtiger als die Marke ist die Passform: Der Schuh muss zum Fuss passen, nicht umgekehrt. Achten Sie auf genügend Platz im Zehenbereich – vorne sollte eine Fingerbreite Luft sein. Achten Sie zudem auf eine stabile Fersenführung und eine stabile, leicht gedämpfte Sohle. Kaufen Sie Schuhe am Nachmittag, wenn die Füsse leicht angeschwollen sind, und probieren Sie immer beide Schuhe an.
10. Der grösste Fehler beim Schuhkauf?
Zu kleine Schuhe – das betrifft erstaunlich viele Menschen. Ein Grossteil der Bevölkerung ist in zu kurzen oder zu schmalen Schuhen unterwegs, oft ohne es zu wissen. Viele kaufen jahrzehntelang dieselbe Grösse, obwohl sich der Fuss im Laufe des Lebens verändert. Mein Tipp: Lassen Sie Ihre Füsse ab und zu neu vermessen – beide, denn sie sind fast nie gleich gross. Gekauft wird nach dem grösseren Fuss.
11. Verändern sich die Füsse im Alter – und was kann ich heute tun, um mit 70 noch schmerzfrei unterwegs zu sein?
Ja, der Fuss wird mit den Jahren länger und breiter, Sehnen und Bänder verlieren an Spannkraft. Zudem degeneriert das schützende Fettpolster unter der Ferse und dem Vorfuss.
Die gute Nachricht: Man kann viel dagegen tun. Wer seine Fussmuskulatur regelmässig trainiert, passendes Schuhwerk trägt und Fehlstellungen frühzeitig behandeln lässt, legt das Fundament für schmerzfreie Füsse im Alter.
12. High Heels, Flip-Flops, Ballerinas: der schlimmste Schuh für die Fussgesundheit?
Alle drei sind problematisch, aber auf Dauer würde ich die High Heels auf Platz eins setzen. Die Kombination aus Spitzfussstellung und sehr enger Zehenbox begünstigt diverse Fussproblematiken. Knapp dahinter folgt der Flip-Flop. Er bietet wenig Halt und Dämpfung – und weil man ihn mit den Zehen festkrallen muss, verändert er sogar das Gangbild.

«Wichtiger als die Marke ist die Passform: Der Schuh muss zum Fuss passen, nicht umgekehrt.»
Carlo Denier
Mythen & Ausblick
13. Der hartnäckigste Mythos rund um Fussgesundheit?
«Einlagen machen die Fussmuskulatur faul.» Das höre ich fast täglich – und es stimmt so nicht. Eine gut gemachte Einlage stützt den Fuss dort, wo er Unterstützung braucht, und kann die Muskulatur sogar gezielt aktivieren. Entscheidend ist, dass die Einlage zum Fuss und zum Problem passt. Idealerweise kombiniert man sie mit Fusstraining – das eine schliesst das andere nicht aus, im Gegenteil.
14. Kinderfüsse: Was machen Eltern heute falsch?
Die häufigsten Fehler sind zu kleine Schuhe und zu wenig Barfusslaufen. Wichtig ist, die Schuhgrösse regelmässig zu kontrollieren – das Nervensystem von Kindern ist noch zu wenig ausgereift, um das selbst zu erkennen. Und lassen Sie Kinder viel barfuss laufen – es gibt kein besseres Training für die Fussentwicklung. Gebrauchte Schuhe von Geschwistern würde ich übrigens vermeiden, da sie bereits an einen anderen Fuss angepasst und abgenutzt sind.
15. Was sollte jede Schweizerin und jeder Schweizer über die eigenen Füsse wissen?
Dass Fussschmerzen nicht normal sind. Viele Menschen haben sich an ihre Beschwerden gewöhnt und akzeptieren sie als gegeben – dabei lässt sich bei fast allen Fussproblemen etwas machen, und je früher, desto einfacher. Unsere Füsse tragen uns im Laufe des Lebens mehrmals um die Erde. Sie verdienen mindestens so viel Aufmerksamkeit wie unsere Zähne – nur zum Fussspezialisten gehen die wenigsten regelmässig.
Fazit: Fussschmerzen sind nicht normal
Die zentrale Botschaft von Carlo Denier: Fussschmerzen sind kein Schicksal. Die meisten Fussprobleme entstehen schleichend – durch zu kleine Schuhe, zu wenig Bewegung und zu wenig Aufmerksamkeit für das Fundament unseres Körpers. Und fast alle lassen sich beeinflussen, je früher, desto einfacher.
Drei Dinge nehmen wir aus dem Gespräch mit: Achten Sie auf Warnsignale wie einseitig abgelaufene Schuhe, Druckstellen oder schwere Beine am Abend. Kaufen Sie Schuhe nach Passform statt nach Marke – und lassen Sie Ihre Füsse ab und zu neu vermessen. Und trainieren Sie Ihre Fussmuskulatur regelmässig, etwa mit dem «kurzen Fuss» oder barfuss auf Naturboden.
Bei leichten Beschwerden oder zur Vorbeugung können konfektionierte Einlagen eine sinnvolle Unterstützung sein. Bei ausgeprägten Fehlstellungen oder anhaltenden Schmerzen lohnt sich eine professionelle Fuss- und Ganganalyse – und eine Einlage, die exakt auf Ihren Fuss abgestimmt ist. Wie orthopädische Einlegesohlen nach Mass wirken, für wen sie sinnvoll sind und woran Sie Qualität erkennen, erklärt Orthopädietechniker Marco Schaub im zweiten Teil unserer Interview-Reihe.
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